Nur fünf Tage nach dem Wiesn-Derby gegen Augsburg steigt im SAP Garden das zweite bayerische Derby binnen einer Woche. Der EHC Red Bull München empfängt zum 7. Spieltag den ERC Ingolstadt, und die Situation beider Teams könnte kaum unterschiedlicherer sein. Die Münchner kommen mit ordentlich Selbstvertrauen. Zuletzt feierte man ein 4:2 gegen Augsburg. Dazu 2 von 4 Tore im Powerplay. Es war der achte Derbysieg in Serie gegen die Panther. Die Mannschaft von Trainer Oliver David steht nach sechs Spielen mit 12 Punkten auf Rang vier, nur vier Zähler hinter Spitzenreiter Nürnberg (16). Ob die Special Teams, die gegen Augsburg den Unterschied machten, auch gegen Ingolstadt wieder eine Schlüsselrolle spielen, werden wir sehen. Für die Schanzer verlief der Start dagegen holprig. Sie stehen mit fünf Punkten aus sechs Partien auf Platz zwölf und haben mit 14:24 Toren die zweitschwächste Defensive der Liga. Dabei war Ingolstadt in der Vorsaison noch Tabellenfünfter der Hauptrunde mit 94 Punkten. Wer die Rivalität kennt, weiß: Die Tabelle sagt zwischen diesen beiden Klubs nur bedingt etwas aus. Für Ingolstadt ist die Wiederauflage des 2023er Finals die Gelegenheit, die Saison wieder in die richtige Richtung zu lenken. München dagegen will die Heimstärke ausbauen und sich im Spitzenfeld festsetzen.
EHC Red Bull München - Style of Play
Muster #1 - Münchner Dauerdruck & Pinching der Verteidiger
Wer gegen den EHC Red Bull München antritt, bekommt auf dem Eis kaum Zeit zum Atmen. Mit beeindruckenden 44,2 % Offensive-Zone-Time und einem Corsi-Wert von 53,3 % dominiert die Mannschaft von Headcoach Oliver David das Geschehen in der gegnerischen Zone. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines kompromisslosen taktischen Musters: ein aggressiver Forechek mit mutigem Pinching (Einrücken der Verteidiger in die offensive Zone). Der Schlüssel zu diesem Dauerdruck liegt im abgestimmten Zusammenspiel der 5 Spieler auf dem Eis. Sobald der Gegner versucht, das Spiel aus der eigenen Zone aufzubauen, schlägt die Münchner Falle zu. Der erste Stürmer läuft den puckführenden Verteidiger extrem hoch an, schneidet geschickt den Passweg ins Zentrum ab und stellt den Gegenspieler an der Bande fest. Unter enormem Zeitdruck bleibt dem Gegner meist nur der verzweifelte Befreiungsversuch an der Wand entlang. Doch genau dort wartet bereits die nächste Welle: Anstatt defensiv abzusichern, rücken die Münchner Verteidiger (Murphy, Carrick, Kaster, Klok, Pokka, Daubner) an der blauen Linie aggressiv meterweit nach vorne. Durch dieses mutige „Pinching“ fangen sie die Befreiungs-Chips direkt ab und halten die Scheibe im Drittel. Während der Gegner noch auf Entlastung hofft, rollt die nächste Angriffswelle. Ein taktischer Teufelskreis, der dem Gegner physisch wie mental die Luft abschnürt.
Dass der EHC Red Bull München unter Oliver David nicht nur Puckbesitz sammelt, sondern eines der gefährlichsten Teams der Liga ist, liegt an ihrem zweiten prägenden Muster: der perfekten Symbiose aus extrem hohem Schussvolumen und kompromisslosem Zug zum Tor. Anstatt den Puck in den Ecken kreisen zu lassen, sucht München bei jeder Gelegenheit den Abschluss von der blauen Linie (u.a von Trevor Carrick). Was auf den ersten Blick wie blindes Draufhalten wirkt, ist kalkuliertes Chaos. Denn sobald ein Schuss abgegeben wird, startet im Slot die eigentliche Arbeit: Die Stürmer tanken ununterbrochen in die „Danger Area“ direkt vor das gegnerische Gehäuse. Sie nehmen dem Torwart die Sicht, fälschen Pucks ab und erzwingen Rebounds. München gibt ligaweit nicht nur die meisten Schüsse ab, sondern verzeichnet auch die meisten Abschlüsse aus der gefährlichsten Zone. Es ist ein mürbe machender Power-Stil: Erst erzeugt das Team pure Schussmasse, um sie im Slot in Tore umzuwandeln.
Die Erleichterung war Trevor Carrick nach dem Spiel gegen Augsburg am Magenta-Mikrofon deutlich anzusehen. Mit seinem ersten Treffer im Trikot der Red Bulls hat der Verteidiger den berühmten „Monkey off the Back“ endlich abgeschüttelt. Dabei wurde Carrick genau für solche Momente verpflichtet. Jahrelang zählte er zu den offensivstärksten Verteidigern der AHL. Für die Charlotte Checkers sammelte er 2025 14 Tore und 41 Assists, Werte, von denen manch ein Stürmer nur träumen kann. Seine größte Waffe ist der Schlagschuss, der sowohl bei 5-gegen 5 als auch im Powerplay brandgefährlich ist. Doch auch in der eigenen Zone überzeugt er: Carrick ist kommunikativ, dirigiert seine Mitspieler und agiert physisch vor dem eigenen Tor. Als ehemaliger Kapitän der Checkers bringt er zudem reichlich Führungsqualitäten mit an die Isar. Schwächen zeigt er dagegen beim Skating. Sein Antritt ist solide, aber nicht überragend. Gegen extrem flinke, kleine Flügelstürmer auf engem Raum könnte er gelegentlich in Schwierigkeiten geraten. Auch seine Vorstöße in die Offensivzone können bei Puckverlust gefährlich werden. Ich gehe jedoch davon aus, dass er seine Zahlen noch deutlich steigern kann und sich sowohl als Torschütze als auch als Verteidiger weiter in den Vordergrund spielt. Statistisch fällt vor allem seine Eiszeitverteilung auf: 55,9 Prozent seiner Zeit auf dem Eis verbringt er bislang in der gegnerischen Zone, nur 16,2 Prozent in der neutralen und 27,9 Prozent in der eigenen Zone. Für einen Verteidiger sind das brutale Werte. Sie bedeuten im Umkehrschluss: Steht Carrick auf dem Eis, dominiert München den Gegner.
Trevor Carrick
PLAYSTYLE
two way defender
| POSITION |
JAHRGANG |
GRÖSSE |
GEWICHT |
|
Defender
|
1994
|
185 cm
|
91 kg
|
OVERALL
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ERC Ingolstadt - Style of Play
Muster #1: Inneffiziente Zonenzeit
Wer den ERC Ingolstadt in diesen Tagen beobachtet, sieht ein Team, das scheinbar Dauerdruck ausübt. 44,5 Prozent der Spielzeit verbringen die Panther in der Offensive – Ligaspitze, Platz drei. Doch der Schein trügt: Das Team von Mark French leidet unter einer gravierenden Scheineffizienz, die sich schmerzhaft im Torverhältnis von 14:24 widerspiegelt. Das Problem liegt nicht in der Quantität der Angriffe, sondern in deren Qualität. Ingolstadt nistet sich zwar in der gegnerischen Zone ein, bleibt dort aber harmlos. Anstatt mit Entschlossenheit in die Schmerzzone vor dem gegnerischen Gehäuse einzudringen, dreht die French-Truppe ihre Runden an den Banden. Die Abschlüsse erfolgen fast durchweg aus dem Halbraum oder der Distanz – komfortable Beute für jeden DEL-Torwart. Das betrifft auch die Schüsse von den eigentlichen Top-Scorern Kenny Agostino, Alex Breton und Riley Barber. Doch ohne Sichtverstellung, ohne Abfälscher und ohne den gierigen Nachschuss aus der Danger Zone verkommen die Angriffe und werden „zahnlos“. Es ist ein wenig brotlose Kunst: Viel Scheibenbesitz, aber null Torgefahr. Wenn Mark French den Fehlstart korrigieren will, müssen sie die Qualität ihrer Angriffe steigern und dahingehen wo es wehtut.
Muster #2: Festgefahren in der Neutralen Zone
Dass der ERC die meiste Zeit aller Teams in der neutralen Zone verbringt, zeigt deutliche Probleme im Übergangsspiel (Transition Play) hin. Anstatt mit Tempo geordnet über die blaue Linie in die Offensivzone einzudringen (Controlled Entries), verfestigt sich das Spiel in der Mittelzone. Das führt dazu, dass Angriffe oft abgefangen werden, neu aufgebaut werden müssen oder in ungezielten Dump-and-Chase-Aktionen enden. Dies bremst das Umschaltspiel massiv aus und zieht sich bis in das statische, leicht ausrechenbare Powerplay (11%) durch. Was auf den ersten Blick nach Kontrolle aussieht, entpuppt sich so bei genauerem Hinsehen als die eigentliche Tempobremse der Truppe von Mark French. Dem Ingolstädter Spiel fehlt in der Vorwärtsbewegung jegliche Dynamik und Überraschung. Der Gegner bekommt schlichtweg genügend Zeit, sich defensiv zu sortieren und die Räume vor der eigenen Zone eng zu machen. Die Panther reiben sich im mittleren Drittel kräfteraubend auf, anstatt Torgefahr zu kreieren. Ohne die nötige Präzision und Geschwindigkeit im Transition Play bleibt der ERC „stecken“ und beraubt sich bisher in dieser Saison seiner eigenen Offensivstärken.
Obwohl es bei den Panthern bislang nicht läuft, macht ein Mann auf sich aufmerksam: Peter Abbandonato. Der Kanadier mit griechischen Wurzeln hat nicht nur einen coolen Namen, sondern führt auch die interne Scorerwertung an. Zuletzt gelangen ihm gegen Köln drei Vorlagen. Insgesamt steht er nach sechs Einsätzen bei zwei Toren und fünf Assists. Abbandonato ist ein klassischer, sehr intelligenter Playmaker. Seine größten Stärken sind das Lesen des Spiels, das Passspiel und die Puckkontrolle unter Druck. Er ist weder ein Schlittschuh-Monster noch ein physischer Abräumer, besticht dafür aber durch Kreativität und eine hohe Effizienz in der Offensive. Seine Karriere begann in der kanadischen Juniorenliga QMJHL. Ein NHL-Draft blieb ihm zwar verwehrt, doch die Syracuse Crunch aus der AHL wurden auf ihn aufmerksam. Seine beste nordamerikanische Saison spielte er 2022/23 für die Laval Rocket, für die er in 66 Spielen auf elf Tore und 35 Vorlagen kam. 2024 wagte er erstmals das Abenteuer Europa und überzeugte in der finnischen Liiga auf Anhieb. Letzte Saison folgte dann der Wechsel zum ERC, wo er in 57 Spielen 13 Tore und 29 Vorlagen sammelte. Statistisch fällt vor allem seine Puckkontrolle auf: 4:07 Minuten, überwiegend in der gegnerischen Zone. Damit liegt er im vorderen Drittel der Liga. An der Seite von Daniel Schmölz und Riley Barber hofft er nun auf die Wende und eine erfolgreiche Saison.
Peter Abbandonato
PLAYSTYLE
playmaker
| POSITION |
JAHRGANG |
GRÖSSE |
GEWICHT |
|
Attacker
|
1998
|
180 cm
|
88 kg
|
OVERALL
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Bei den Buchmachern ist die Ausgangslage klar: München geht mit einer Wahrscheinlichkeit 69,9% als Sieger vom Eis. Und auch auf dem Papier ist die Ausgangslage klar: Dritter gegen Zwölfter, 12 gegen 5 Punkte. Doch ich traue dem Braten nicht ganz, denn wer die Rivalität seit dem 2023er Final kennt, weiß, dass die Tabelle hier nur die halbe Wahrheit erzählt. Ingolstadt war in der Vorsaison Fünfter der Hauptrunde und hat die spielerische und taktsiche Qualität, jederzeit zurückzuschlagen. München bringt das stimmigere Gesamtpaket mit. Das aggressive Forecheck erzeugt Dauerdruck, und der konsequente Zug in die Danger Zone macht aus Schussmasse Tore. Mit Trevor Carrick, der nach seinem ersten Treffer befreit aufspielen dürfte, hat der EHC zudem einen Verteidiger, der das Spiel offensiv mitprägt. Trotz des Ausfalls von Chris deSousa können die roten Bullen Offensiv auf vier Top-Reihen setzen. Kahun, Rieder, Ehliz und auch die Imports um McKenna und Lucas Thaler, der mehr und mehr zum Schlüsselspieler wird, sind in Topform. Ingolstadt hingegen hat viel Scheibenbesitz, aber wenig Wirkung. Die Schüsse kommen meist aus der Distanz, und die neutrale Zone wird zur Tempobremse. Das Powerplay (11 %) ist ausrechenbar, die Defensive mit 24 Gegentoren anfällig. Bisher! Gelingt es den Panthern, schneller umzuschalten und Peter Abbandonato als Kreativkopf in gefährliche Räume zu bringen, werden sie wieder unbequem. Zudem können Spieler wie Barber, Agostino, Sheen oder Hüttl und Breton jederzeit explodieren und Spiele entscheiden. Mein Eindruck: München ist Favorit, vor allem wegen der besseren Effizienz und der Heimstärke. Ein Selbstläufer wird es aber nicht. Auch mein Rating-System spiegelt das wieder. Vorteile für München im Tor, Paari in der Abwehr, leichte Münchener Vorteile im Angriff – aber alles eng. Sollte der ERC seine Zonenzeit endlich in Qualität ummünzen, kann dieses Derby deutlich enger werden, als es die Tabelle vermuten lässt.
Der EHC Red Bull München gewinnt, wenn… sie früh draufgehen, Ingolstadts
Spielaufbau ersticken und konsequent Stettmer/Williams vor dem Tor die Sicht
nehmen.
Der ERC Ingolstadt gewinnt, wenn… sie mit Tempo und kontrolliert in die Münchener Zone kommen, die Qualität ihrer Schüsse steigern und dorthin gehen wo es wehtut.
Mein DEL-Fantasy-Manager Tipp: Lucas Thaler (2 Pucks)